Eine halbe Million Sendeminuten von Vereinen und Bürgern: Radioförderverein blickt auf 35 Jahre Vereinsgeschichte

Die Anfänge 1986-1990

Der Vorstand hat lange zusammengesessen und gerechnet. Jetzt ist die Zahl, auf die viele gewartet haben, erreicht. In den ehrenamtlich organisierten Radiowerkstätten in Soest und Lippstadt sind in den vergangenen 35 Jahren mehr als eine halbe Million Sendeminuten entstanden.  „Das Repertoire ist vielseitig, und es könnte noch vielseitiger werden,“ sagt dazu Norbert Hillebrand als Vorsitzender von „Radio Lippeland“.

Abends um kurz nach 20 Uhr schlägt die Stunde von „Radio Lippeland“. Die ehrenamtlichen Radiomacher gehen auf Sendung: Im Bürgerradio präsentieren sie selber verschiedene Themen oder aber sie ermöglichen anderen Gruppen, Vereinen oder Verbänden, ins Radio zu kommen. Ob das „Radioteam Landwirtschaft“ mit Informationen von Landwirten für Verbraucher, die Vorstellung von Selbsthilfegruppen, die Präsentation lokaler und internationaler Bands im „Musikmarkt Kreis Soest“ mit Francis Eichler oder“ die Kulturprogramme „Lippstadt Live“ mit Conny Rupp und das „Kulturtaxi“ mit Klaus Mönnig aus Soest: Sie alle finden Platz in der speziellen Sparte, die täglich auf der Frequenz des Hellweg-Radios gesendet wird.

Vorsitzender Norbert Hillebrand
Francis Eichler, stellv. Vorsitzender

Möglich macht das eine Besonderheit des Rundfunkgesetzes in NRW: Jeden Tag müssen die Lokalradios Gruppen Sendeplatz zur Verfügung stellen. Im so genannten Bürgerradio können Bürgerinnen und Bürger das lokale Radioprogramm mitzugestalten. 

Einer der ersten Vereine, der das professionell organisierte, waren landesweit die Lippeländer aus Lippstadt. Nicht elf Freunde wie beim Fußball, sondern Sieben waren es, die am 4. Januar 1985 den gemeinnützigen Verein aus der Taufe hoben.

Sämtliche Mitglieder gehörten einer Generation von Rundfunknutzern an, die mit den etablierten Radios unzufrieden waren. Diese Unzufriedenheit führte Mitte bis Ende der 60`Jahre europaweit zur Gründung der ersten Piratensender. Die ersten sendeten von Schiffen auf hoher See, später wurde auch von Land gesendet, auch in Deutschland. Dabei gab es viel Unterhaltung, aber auch ein Stück Gegenöffentlichkeit, wie beim Radio Dreyeckland in Baden Württemberg und Radio Fledermaus in Münster, beide mit dem Ziel gegründet, der Meinung der Bürger Gehör zu verschaffen. Erste Versuche mit einem Piratensender gab es ab dem 3.10.1967 in Lippstadt. Swinging Radio Europe sendete Anfang der 70`er Jahre auf der Mittelwelle 1394 kHz regelmäßig am Wochenende ein Musikprogramm. Von Ostern 1977 bis Pfingsten 1982 sendete Radio Sunrise aus dem Erwitter Ortsteil Eikeloh. Dem Treiben der engagierten – aber illegalen- Radiomacher setzten Post und Polizei Pfingsten 1982 ein jähes Ende. 

Das bestehende Team und viele neue Mitglieder versuchten daraufhin, auf legalem Weg Radio zu machen. So gründete sich der Verein Radio Lippeland  am 4. Januar 1985, lange vor der Verabschiedung des Landesrundfunkgesetzes. Die Intention des Vereins ist es bis zum heutigen Tag, allen Schichten der Bevölkerung den Zugang zum lokalen Rundfunk zu ermöglichen. 

Fernsehbericht über Radio-Vorproduktionen vor Sendestart 1989

Radio Lippeland e.V. folgt mit seinen Zielen einem Wunsch der Hörer, Ihr Radioprogramm selber zu machen. Und genau um diese Gruppen kümmert sich der Verein durch medienpädagogische Arbeit in den vereinseigenen Studios in Lippstadt, Südstr. 20 (im Hause der Ini) und im Kulturhaus „Alter Schlachthof“ in Soest.

„Die vielen Gruppen, die in den 35 Jahren unsere Seminare besucht und die Studios zur Erstellung von Radiosendungen für das Bürgerradio genutzt haben, kann ich nicht mehr zählen“, bilanziert Vorsitzender Hillebrand. „Sicher ist aber, dass in dieser Zeit Beiträge mehr als 1 halbe  Million Sendeminuten für das Bürgerradio entstanden und im Hellweg Radio ausgestrahlt worden sind.“ 

Zu den bedeutungsvollen Ereignissen der letzten 35 Jahre gehört sicherlich auch die Teilnahme an der landesweiten Demo gegen die Novelle des Landesmediengesetzes mit ihren gravierenden finanziellen Einschränkungen für die NRW-Bürgerradios auf der Domplatte in Köln. Die Demo fand prominente Unterstützung durch die Kölner Kabarettisten Wilfried Schmickler und Heinrich Pachl.

Plakataktion

Keine Angst vor „großen Tieren“ bewiesen die Bürgerfunker auch durch ihre Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Norbert Hillebrand: „Leider wurde die Beschwerde nicht angenommen“.

Die Digitalisierung hat mittlerweile auch im Bürgerradio Einzug gehalten. So werden die Sendungen auf zwei leistungsfähigen Rechnern digital erstellt. Und obwohl die Finanzierung durch die Landesanstalt für Medien inzwischen eingestellt ist, helfen die Vereinsmitglieder weiterhin interessierten Bürgern auf „Sendung“ zu gehen. 

Der Verein finanziert sich inzwischen ausschließlich durch Mitgliedsbeiträge, Zuschüsse für die Durchführung der Ausbildungsmaßnahmen, der Kultursendung „Lippstadt-Live“ und durch Spenden. 

Vorsitzender Norbert Hillebrand hofft, dass auch in den nächsten Jahren das Interesse am Bürgerradio nicht nachlässt. „Uns ist bewusst, dass wir mit einigen Produktionen anecken. Wir wollen auch nicht mit jeder Sendung jeden Geschmack treffen, sondern diejenigen zu Wort kommen lassen, die in den Programmen der übrigen Medien nicht vorkommen. Wir verstehen uns quasi als Vielfaltsreserve.“  

Kinderhospizgruppe

Um auch noch mehr junge Hörer an dieses Medium heran zu führen, führt der Verein seit 2017 in Kooperation mit dem Kultursekretariat NRW Angebote für Grundschulklassen im Rahmen des Projektes „Kulturstrolche“ durch. „Den beteiligten Schülergruppen bieten wir so die Möglichkeiten in die Medienwelt herein zu schnuppern“, sagt Norbert Hillebrand.

Der 67-jährige dankt allen, die die ehrenamtliche Arbeit des Bürgerradios in den letzten 35 Jahren unterstützt haben: „Mit den vielen Gruppen, den engagierten Vereinsmitgliedern, Spendern und Gönnern haben wir die vergangenen 35 Jahre geschafft und bin mir sicher, dass die Geschichte des Bürgerradios ist noch nicht zu Ende erzählt ist.“ 

Seit Sommer 2019 gibt es jeweils Mittwochs ab 20:04 Uhr unter dem Label „Once Upon A Time“ eine Stunde lang eine Rückschau auf ausgewählte „entstaubte“ Radiobeiträge aus der Frühzeit des Bürgerradios. Darunter auch zahlreiche „Sahnehäubchen“.

Aber auch neue Gruppen sind gefragt: Ob „Friday for Future“ oder die Organisatoren eines  klassischen Konzertes: sie alle können das Bürgerradio nutzen, um ihre Projekte, Ideen, Ansichten vorzustellen.

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